Ego-State-Therapie (Teilearbeit)

Was ist Ego-State-Therapie?

 

Die Ego-State-Therapie, ein hoch effizienter psychotherapeutischen Ansatz, basiert auf der Annahme, dass die Persönlichkeit (aller Menschen) nicht aus einem homogenen Ganzen, sondern aus verschiedenen Anteilen, den Ego-States besteht. Der Ego-State-Therapeut arbeitet direkt mit jenem Persönlichkeitsanteil, dem Veränderung gerade am meisten nützt, statt nur auf der intellektuellen Ebene über das Problem zu reden.

 

Wir alle haben viele verschiedene Ego-States; ein jeder dieser Teile hat seine eigenen Macht- oder Ohnmachtsgefühle, Emotionen, Denkweisen und Fähigkeiten, seine eigenen Persönlichkeitszüge. Wenn wir sagen „Ein Teil von mir", reden wir über einen Ego-State. „Ich fühle mich in dieser Angelegenheit in Frieden mit mir selbst" bedeutet, dass meine Ego-States harmonieren. Die verschiedenen Ich-Zustände bringen Farbe in unser Leben und bereichern es. Ein schmerzvoller, leidender Ego-State hingegen kann Unruhe und unerwünschte emotionale Reaktionen zur Folge haben. Wenn zwei Ego-States miteinander in Konflikt sind, fühlen wir uns zerrissen oder haben Mühe, eine Entscheidung zu treffen.

 

Geschichte der Ego-State-Therapie

Der Psychoanalytiker Paul Federn (geboren in Wien 1871 – gestorben in New York 1950) war wie Alfred Adler und Carl Jung Mitglied der von Sigmund Freud einberufenen Mittwochs-Gesellschaft. Für Freud bestand die Persönlichkeit aus drei Teilen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Federn hingegen vermutete schon damals viele verschiedene Persönlichkeitszustände. Er nannte diese „Ego-States", weil er beobachtet hatte, dass wir weiterhin mit dem „Ich" (Ego) verbunden bleiben, auch wenn wir in andere Zustände oder „States" wechseln. Denn in jedem Zustand empfinden wir uns selber weiterhin als „ich", unabhängig davon, welcher State gerade aktiv bzw. an der Oberfläche ist. Wir sind also immer in einem Ich-Zustand. Federn teilte dieses Ego-State-Konzept mit Edoardo Weiss (geboren in Triest 1889 – gestorben in Chicago 1970), welcher wiederum mit John Watkins (geboren in Idaho 1913 – gestorben in Colorado 2012) verbunden war, der Federns Persönlichkeitskonzept zusammen mit seiner Frau Helen (geboren in Bayern 1921 - gestorben in Missoula 2002) zur eigentlichen Ego-State-Therapie weiter entwickelte. Das Ehepaar Watkins erprobte, erforschte und lehrte die Ego-State-Therapie und veröffentlichte viele Artikel und das Buch „Ego States - Theory and Therapy", das 1997 erschien (auf Deutsch: „Ego States - Theorie und Therapie", 2003). Federn, Weiss sowie John und Helen Watkins haben uns hiermit ein wertvolles, reiches Erbe hinterlassen.

 

Was genau sind Ego-States und wie entstehen sie?

Wir werden nicht mit unsern Ego-States geboren, sondern erschaffen diese im Laufe unseres Lebens. Ego-States entstehen, wenn wir etwas immer und immer wieder tun. Durch häufige Wiederholungen einer Tätigkeit entstehen nämlich im Gehirn Nervenbahnen mit spezifischen Emotionen, Fähigkeiten und Lebenserfahrungen. So schreiben J. und H. Watkins in ihrem Buch: „Ein weiteres Charakteristikum von Ich-Zuständen ist, dass ihr Entstehen in der Regel die Anpassungsfähigkeit des Individuums erhöht und es ihm ermöglicht, mit einem spezifischen Problem oder einer spezifischen Situation besser fertig zu werden" (Watkins & Watkins, S. 49, 2003).

 

Wenn ein Kind seiner Mutter eine Tasse Tee bringt und dafür gelobt und umarmt wird, wird es später seiner Mutter oder auch andern Personen etwas zuliebe tun, wenn es Zuwendung braucht. Erlebt das Kind immer wieder diese positiven Reaktionen auf sein „nährendes" Handeln, wird es einen nährenden Ego-State entwickeln. Wenn es später im Leben mit andern verbunden sein möchte, wird wohl dieser nährende Teil aktiv werden, Gefühle und Handlungen werden nährender Natur sein, bei einigen Mitmenschen mehr als bei andern.

 

Wenn ein Kind Zuwendung will und einen Witz macht oder etwas lustiges tut und dies immer wieder mit einer positiven Reaktion belohnt wird, über Monate und Jahre, kann sich ein witziger, Spassmacher-Ego State entwickeln. Wird jedoch das Kind, wenn es einen Witz erzählt, zum Schweigen gebracht, wird es das Witze erzählen künftig unterlassen. So entwickelt ein jeder seine ihm eigenen Ego-States, abhängig von den jeweiligen Lebenserfahrungen und den Menschen, die ihn beeinflussen.

 

Häufige Wiederholungen von Handlungen erzeugen Hirnwachstum: es entstehen Nervenbahnen, Ego-States. Wir wechseln in einen Ego-State oder Ich-Zustand, wenn wir diesen brauchen. Wenn ein verletzter Teil an die Verletzung erinnert wird, kann er aktiv werden, weil er versucht, eine Lösung zu finden. Dann werden wir unter Umständen plötzlich von negativen Gefühlen überflutet.

 

Unser Gehirn besteht aus Nervenzellen. Bei der Geburt sind Millionen davon vorhanden. Sie können durch Verletzung oder Altern verloren gehen. Zum Glück gibt es viele davon – und – wir können sie trainieren. Das Gehirn ist plastisch. Es kann wachsen, wir können sowohl neue Nervenzellen als auch neue Verbindungen zwischen ihnen bilden.

 

Das Gehirn wächst also durch Stimulation. Mäuse, die in aktiver Umgebung aufwachsen, entwickeln grössere Gehirne als ihre Artgenossen in passiver Umgebung. Genau wie der Muskel wird auch das Gehirn durch Training grösser.

Junge Kätzchen, die in einem Versuch in den ersten Lebensmonaten Spezialbrillen trugen, durch welche sie nur horizontale Formen sehen konnten, waren später auch ohne diese Brillen nicht in der Lage, vertikale Formen zu sehen. Das Hirnwachstum wird also von Häufigkeit und Art der Stimulation beeinflusst. Die Spezialbrillen bewirkten, dass die Kätzchen nur horizontale Formen sehen konnten. Das ständige Wiederholen eines Verhaltens oder einer Tätigkeit bildet beim Menschen die entsprechenden Verbindungen im Gehirn, genau gleich wie die Spezialbrillen das Sehvermögen der Kätzchen nachhaltig beeinflussten.

 

Ego-States entstehen also durch stetes Wieder-Ausführen einer Tätigkeit: aufgrund der häufigen Wiederholungen entwickeln sich spezifische Nervenbahnen und Nervenverbindungen, Ego-States. Ein Ego-State ist also ein physischer Teil des menschlichen Gehirns, nämlich ein Strang von Nervenfasern, welche für ganz spezifische Fähigkeiten und Emotionen trainiert wurden. Unsere Ego-States sind unsere Ressourcen, welche wir je nach Bedürfnis herholen können. Sie heissen Ego-States, weil wir uns in jedem Zustand als „ich" empfinden (Ich-Identität).
Jeder Mensch hat seine eigenen speziellen, selbst gebildeten und trainierten Ich-Zustände, deren Zusammensetzung einzigartig ist, wenn sich auch die einzelnen Ego-States durchaus ähnlich sein können.

 

Ziele der Ego State Therapie

• Es sollen Ich-Zustände gefunden werden, die Schmerz, Trauma, Wut oder Frustration verbergen; diesen soll dann geholfen werden, sich davon zu befreien, indem sie Gelegenheit haben, sich auszudrücken und indem sie getröstet, geschützt und gestärkt werden.
• Die Kommunikation zwischen den Ich-Zuständen soll ermöglicht oder verbessert werden (die Aussage: „Ich hasse mich, wenn ich so bin!" deutet darauf hin, dass da zwei Ego States nicht gut zusammenarbeiten bzw. sich gegenseitig nicht schätzen).
• Den Klienten soll geholfen werden, ihre Ego States kennen zu lernen, damit sie sich diese besser zunutze machen können (dass sie z.B. lernen, in einer entspannten Situation für emotionale Erfahrungen offen zu sein, bei Druck oder Bedrohung sich aber abzugrenzen und zu wehren).

 

Die vier Ego-State-Typen

Jeder Ich-Zustand kann einem von vier Typen zugeordnet werden: NORMAL, GESCHWÄCHT, in der Vergangenheit stecken geblieben oder RETRO- und KONFLIKT-Ego State. Wünschenswert ist, dass alle Ich-Zustände normal funktionieren, und die Ego-State-Therapie hilft den einzelnen Ich-Zuständen, sich in diese Richtung zu entwickeln. Normal funktionieren heisst, dass der einzelne Ich-Zustand sowohl innerlich mit den andern Ego-States, als auch äusserlich mit andern Menschen gut kommuniziert und zusammenarbeitet. Ein solcher normal funktionierender Ich-Zustand macht dann keine Schwierigkeiten mehr.

 

Die drei andern Typen von Ich-Zuständen zeichnen sich durch folgende Eigenschaften aus:

Ein geschwächter Ego-State hat Trauma oder Ablehnung erfahren und nicht verarbeitet. Er ist der wunde Punkt in unserer Psyche. Wenn wir überreagieren, wird ein solcher geschwächter Ich-Zustand aktiv. Er kann verursachen, dass wir in gewissen Situationen sehr emotional reagieren, ohne es zu wollen. Geschwächte Ego-States sind ausser Kontrolle, wenn sie aktiv werden und führen zu Vermeidungsstrategien wie Sucht und Zwang. Geschwächte Ego-States brauchen Problemlösung; ihnen muss geholfen werden, sich von den negativen Gefühlen zu lösen, so dass wir nicht mehr das Gefühl haben müssen, ausser Kontrolle zu sein.

Retro-States sind in der Vergangenheit stecken geblieben. Sie haben einst ein Verhalten gelernt, welches damals durchaus sinnvoll war, jetzt aber nicht mehr adäquat ist. Bei nicht gewollten Wutausbrüchen ist meistens ein Retro-Zustand an der Oberfläche oder aktiv. Dieser Ego-State hat in der Kindheit gelernt, dass Wut dem Selbstschutz dient oder ein Weg ist, seinen Willen durchzusetzen. Diese Ich-Zustände müssen lernen, nur aktiv zu werden, wenn ihr Verhalten angemessen ist, oder ihr Verhalten in ein angemessenes zu verwandeln.

Konflikt-Zustände stehen intrapsychisch auf Kriegsfuss miteinander. Sie hassen sich („Ich hasse mich wenn ich so bin!") oder sind sich in Bezug auf Entscheidungen oder Handlungen uneinig. Ein Ego-State will z.B. arbeiten, der andere will sich ausruhen. Diese Zustände müssen lernen, sich gegenseitig wert zu schätzen, miteinander zu kommunizieren, Kompromisse einzugehen und zusammen zu arbeiten. Es ist angemessen, unterschiedliche Meinungen zu haben und diese abzuwägen, wenn es z.B. darum geht, ein neues Auto zu kaufen. Ein Zustand macht sich Sorgen ums Finanzielle, während der andere eher auf Spass und Wertzuwachs fokussiert. Es ist jedoch nicht adäquat, wenn der Konflikt zwischen den Ego-States so sehr zum Problem wird, dass innere Spannungen entstehen.

Ein normaler Ich-Zustand ist weder geschwächt, noch retro, noch in Konflikt. Ego-State Therapie kann den Zuständen helfen, normal zu werden, was befreiend ist und zu besserer Selbst-Kontrolle und innerem Frieden führt.

(Übersetzung: Silvia Zanotta)